Pauline im Kindergarten

Pauline im Kindergarten

Zum Thema Integration

Nach meiner Erfahrung kann Integration nicht immer als das non plus ultra gelten. Es ist vom Kind und von der Einrichtung, ob Schule oder Kindergarten, sehr abhängig.
Unsere Tochter Pauline, geb. 22.12.2000, vollblind, besuchte seit dem 01.01.2002 eine integrative Kita in Halle mit dem Ziel, sie in die Kindergruppe zu integrieren.

Nach 2 Jahren kann von Integration leider keine Rede sein. Die Gruppe umfasst 19 Kinder, davon 3 Integrationskinder und zur Betreuung 1 Heilpädagogin und 3 Erzieherinnen in Teilzeit. Paulines Situation hat sich zunehmend verschlechtert. Unsere Frühförderin hatte uns schon vor einem Jahr geraten, Pauline aus dem Kindergarten zu nehmen, da sie völlig überfordert wäre. Wir hörten leider nicht auf diesen Rat.

Ich wollte ja auch arbeiten und wir meinten, dass Pauline den sozialen Kontakt braucht. Wir nahmen Pauline also nicht ganz aus der Gruppe, sondern reduzierten ihren Aufenthalt im Kindergarten auf 3 Tage in der Woche, in ganz schwierigen Phasen nur 2 Tage in der Woche.
Trotzdem wurde es immer schwieriger für Pauline. Seit Oktober 2003 schrie sie jeden Morgen, bevor es in den Kindergarten ging, herzzerreißend, klammerte sich an mich und wimmerte: Mama, bitte nicht! Da kann sich sicher jeder vorstellen, wie es einem da geht.

Pauline verweigerte zunehmend den Kontakt mit den Kindern in der Gruppe. Sie war völlig gestresst und entwickelte verstärkt Stereotypien (massives Oberkörperschaukeln) zum Stressabbau. Sie suchte jede Gelegenheit, aus der Gruppe herauszukommen. Nur wenn sie mit Ihrer Heilpädagogin allein war, ging es etwas besser. Im Dezember 2003 hat sie dann fast jeden Tag wieder eingepullert, obwohl sie am Tag schon sauber war.

Jetzt läuteten unsere Alarmglocken. Es wurde eine Beratung einberufen mit Kindergartenleiterin, Heilpädagogin, Frühförderin und uns. Bei der Aussprache war von Seiten des Kindergartens alles bestens und sie würden sich sehr viele Gedanken machen, dass kann nur am Kind liegen. Es wurde zunächst erst mal eine Pause für Pauline festgelegt.

Nachdem unsere Ergotherapeutin dann noch im Kindergarten hospitiert hat, um herauszufinden, warum Pauline nicht laufen will, obwohl sie die Bewegungsabläufe kann, rief diese uns völlig aufgelöst an und um bat um ein Gespräch. Nachdem sie uns die Situation für Pauline im Kindergarten genau schilderte, war klar, Pauline muss ganz schnell aus der Kindereinrichtung genommen werden.

Seit Mitte Dezember haben wir dann Pauline aus der Gruppe genommen. Seitdem steht das kleine Plappermäulchen nicht mehr still, auch wenn man noch nicht alles versteht. Pauline hat angefangen, allein zu laufen und die Stereotypien haben sich sehr verringert. Das ist mit Sicherheit kein Zufall.
Unserer Meinung nach sind in Paulines Einrichtung die Erzieherinnen und die Heilpädagogin völlig überfordert und konnten mit der Situation, ein blindes Kind zu betreuen und zu fördern, nicht gut umgehen.
Ich denke, eine gute Integration steht und fällt mit den entsprechenden Bezugspersonen in der Gruppe, was mit Sicherheit nicht einfach ist. Blinde Kinder brauchen für die Entwicklung ihrer Fähigkeiten besonders viel Motivation und Einfühlungsvermögen, was auch ein Wissen über die Entwicklungsbesonderheiten bei sehgeschädigten Kindern erfordert.

Pauline und Vincent

Pauline mit Vincent
im Kindergarten

Die Entwicklung eines blinden Kindes verläuft in einigen Bereichen anders als die eines sehenden Kindes. Ein blindes Kind nimmt seine Umwelt anders wahr, während Sehende 80% aller Reize über den optischen Kanal aufnehmen, fällt dies bei einem blinden Kind komplett weg und ein wesentlicher Teil der Informationen über die Umgebung geht verloren. Die anderen Sinne können dies nur unzulänglich kompensieren und es bedarf eines erhöhten Förderangebotes und eines erhöhten Umfanges an Betreuung.

Bei Pauline kommt hinzu, dass sie in ihrer Entwicklung retardiert ist und einen Entwicklungsstand von einem 1 ½ - 2jährigen Kindes hat. Blinde Kinder sind generell in erhöhtem Maß auf die Hilfe von Bezugspersonen angewiesen.

Durch das Nicht-Sehen ist keine Motivation zur Bewegung gegeben. Motivation ist aber das Zauberwort bei der Entwicklung blinder Kinder. Man muss ständig versuchen, dass Kind aus seiner Passivität zu locken und anzuregen, die Umwelt zu erforschen. Dies gelingt nur, wenn das Kind mit Personen umgeben ist, denen es vertraut. Personen, die viel Zeit, Geduld und Ausdauer haben sowie Personen, die sich in das Kind und seine Welt einfühlen können und es so akzeptieren, wie es ist.

Wie es jetzt weitergeht mit Pauline, ist noch ungewiss, da wir noch keine geeignete integrative Kindertagesstätte gefunden haben. Im Moment habe ich sie zu Hause, was für mich auch persönlich nicht die optimale Lösung ist. Aber das wichtigste ist, Pauline geht es gut, sie fühlt sich wohl und ist viel ausgeglichener und fröhlicher!
Antje

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